Atmen

Findet Zeit, Euch zu lieben, findet Zeit miteinander zu sprechen, findet Zeit, alles was Ihr zu sagen habt miteinander zu teilen, - denn das Leben wird nicht gemessen an der Anzahl der Atemzüge, sondern an der Anzahl der Augenblicke, die uns den Atem rauben.“ —  George Carlin

Es sollte doch eigentlich so selbstverständlich sein, das Atmen, und es wird manchmal mühsamer dieser Tage; wir sind erkältet, haben eine Maske vor dem Mund oder haben Angst vor Atemnot. Beatmungsmaschinen sind im Gespräch und die Angst- was ist, wenn mein Atem nicht mehr funktioniert? Geteilter Atem wird plötzlich gefährlich ? Ansteckend? Für uns, für andere? Und das Atmen ist plötzlich gar nicht mehr so selbstverständlich und leicht. Dabei ist es doch unsere natürlichste Funktion und Lebenselixier schlechthin.

 

Und dann diese Novembertage- manchmal nebelig, manchmal mild, manchmal knackig: dann kommt man vielleicht raus und die Luft ist ganz klar und man hat das reinste Gefühl, das Atmen einem bieten kann; die Lungen können nicht genug bekommen von dieser Klarheit, dieser Frische.

 

Die kühleren Jahreszeit in unseren Breitengraden lässt uns den Atem anders spüren- die kalte Luft in der Lunge, die Übergang von Wärme zu Kälte lässt uns manchmal ganz bewusst durchatmen, manchmal sehen wir ihn sogar in Form von Wolken vor unserem Mund. Dann freue ich mich, in Breitengraden zu leben, in denen sich die Jahreszeiten, die Luft, das Atemerleben ändert. Lebet man nur in subtropischen Klima, hat man diese Atemwolke wahrscheinlich noch nie gesehen und erlebt.

 

Atmen.. und wie tut man es eigentlich so, dass es uns hilft, zur Ruhe und zu besonnenen Entscheidungen zu kommen?

Die Funktion hat Niederschlag in unseren Sprache gefunden; „den Atem anhalten“, „nun atme mal ordentlich durch“ oder auch „..atemlos durch die Nacht“. Wir wissen, es schlägt sich sofort in unserem Atem nieder, ob wir aufgeregt, ruhig, entspannt, vor-freudig, oder ängstlich sind. Die Atmung ist sozusagen das Bindeglied, unser Fahrstuhl zwischen unserem Körper und unserem Geist.

 

Wenn wir angespannt und hektisch oder ängstlich werden, hat das auch Auswirkungen auf unseren Atem und muskuläre Blockaden entstehen. Wenn wir umgekehrt unseren Atem beruhigen, hat das weitreichende Auswirkungen auf unserem Körper und Geist. Das sollten wir uns immer wieder vor Augen führen. Innehalten, durchatmen, Schultern senken, Anspannung über den Atem regulieren. Der Geist wird folgen- er kann gar nicht anders.

 

Oder mal innerlich Walzer tanzen mit dem Atem? Der Atem ist ein Dreierrhythmus: ein, aus, Pause, ein, aus, Pause. Und dafür muss man noch nicht mal nach Wien reisen.

 

Singen ist tönender Atem, in vielen Sprachen ist es sogar das gleiche Wort. Über Atmen- so denken viele Traditionen- wird der Zugang zu heilenden Lebensenergien hergestellt und spirituelle Entwicklung gefördert. Zu ganzheitlicher Yogapraxis zum Beispiel gehört Pranayama- die Atemübungen automatisch dazu.

Das Wort Pranayama setzt sich aus den beiden Wörtern Prana (Lebensenergie) und Ayama (Ausdehnung/ Kontrolle) zusammen. Manche Yogis denken auch übrigens, dass einem nur eine bestimmte Anzahl Atemzüge zur Verfügung stehen; es macht also durchaus Sinn, die Atemzüge zu verlängern, tiefer zu atmen und jeden Atemzug auszukosten. Besonderer Wert wird hier auch auf die Ausatmung gesetzt, um alles Vergangene und auch Belastende loszulassen und Platz zu schaffen, für das, was man hineinlassen möchte- lang, bewusst, kontrolliert.

 

Singen von Mantren und Chants verlängert ganz automatisch den Prozess des Ausatems, und dann atmen wir wieder tiefer ein- wir wollen ja die Luft haben für unseren Ton. Wir trainieren unsere Atemmuskulatur und Anspannung und Verkrampfung lösen sich sanft auf. Die vertiefte Atmung beim Singen führt zu einer verbesserten Sauerstoffversorgung durch das Herz-Kreislaufsystem hinein bis in jede Zelle.

Wir singen aus dem Bauch und trainieren unser Zwerchfell; wir können sogar gezielt die Massage der Bauchregion anregen.

Mit der Ausatmung entschlacken wir und lassen los- körperlich, geistig, seelisch- wir entgiften sozusagen.. mit der bewussten Einatmung lassen wir Dinge in uns hinein.

 

Und unser Geist folgt diesem lustvollen Tun- ganz automatisch kommt er zu mehr Ruhe und Gelassenheit und folgt dem Atem.

 

Die Töne sind ein wunderbarer lebender Atem der Dunkelheit.“ (  Clemens Brentano)