Bindung und Beziehung

..wenn man Gemeinschaft braucht taucht man ein, wenn man wieder für sich sein will geht man einen Meter zurück- und das ganz organisch ohne Absprachen“ (Elke Wünnenberg, Vorsitzende Singende Krankenhäuser)

 

Beim Singen kann ich mich einklinken wie ich will, und es gibt trotzdem schon eine stabile Gruppe, die existiert “ (Zitat einer Asbergerautistin über ihre Erfahrung des Chorsingens)

 

Eigentlich wollte ich einen Newsletter über Bindung schreiben, um endlich mal mein Blog ABC des Singens voranzutreiben und nach Atmen kommt natürlich irgendetwas mit B.. Nun liesse sich in Bezug auf Singen tatsächlich viel über Beziehung und Bindung sagen, aber irgendwie -merke ich- drücke mich seit Tagen, es fliesst noch nicht so aus der Feder.. Und wenn ich ein bisschen drüber nachdenke, wundert es mich eigentlich auch nicht.

 

Natürlich könnte ich schreiben, wie wichtig Beziehung und Bindung für uns sind und wie sehr uns Singen dabei helfen kann, in Beziehung zu treten und zu sein, dass es soziale Kompetenz und Hilfsbereitschaft fördert, wie sehr wir soziale Menschen sind und bleiben. Oder über diese fantastische Eigenschaft von Singen und Singgruppen, in einer Gruppe zu sein, ohne sich zeigen zu müssen, ohne Kontakt gestalten zu müssen, einfach aufgehoben zu sein und sich einbringen können, wie man will; und was das besonders für Menschen bedeutet, die das nicht so gut können im verbalen Kontakt. Ich könnte auf Studien mit Obdachlosen hinweisen, bei denen das gemeinsame Singen den Effekt einer erfolgreichen Psychotherapie hat, oder darauf, was für ein archaisches Gefühl das für uns alle ist- einfach sein; einfach verbunden sein; aufgehoben im Klang.

 

UND..

da ist etwas, was es mir wirklich schwer macht, im Moment über diese Themen zu schreiben. An ganz vielen Stellen können wir gerade und immer noch Beziehung und Bindung eben nicht so leben, wie wir wollen, gewohnt sind und gerne hätten. Kommt es Euch auch schon fast fremd vor, wenn ihr Filme mit Feierszenen seht, wo so Menschen einfach dicht an dicht Spass haben? Oder als Karnevalsfan (und wie ich als norddeutsches Mädchen zu dem geworden bin ist eine andere Geschichte) leide ich dieser Tage natürlich auch sehr und kann mich aber schon fast nicht mehr reindenken; verrückt, dass diese ganzen spontanen, feierigen, körperlichen, exzessiven, nahen Beziehungsgestaltungen so möglich waren noch letztes Jahr und wie wird das überhaupt so aussehen in Zukunft? Wie werden wir Beziehung leben, Bindungen eingehen, bunt das Leben feiern oder Brüderschaft trinken..Bald, bald, bald? Wie versprochen immer wieder? Oder wird und muss sich unsere Welt nach ganz anderen Regeln drehen/ verändern wo ganz anders hin als gedacht.

 

Und dann gibt es aber auch dieses bewusste Beziehung gestalten in dieser Zeit; genau zu entscheiden, mit wem will ich Beziehung leben, wer ist in meiner „bubble“ und wie gehen Alternativen? Die kreativen neuen digitalen Formate, Freunde, die sich abends im Park mit Grablicht und Kuchen auf die Bank setzen, Menschen, die entscheiden, sie machen mal wieder Feuer statt netflixen, die Altherrenrodelrunde, Jugendfreunde und Freunde von weit weg, die sich plötzlich mal wieder melden, weil man aneinander gedacht hat, oder Zeitfenster entstehen, die vorher nicht da war. Das rührt mich dann wieder sehr.

Entfernungen werden relativ, wir singen plötzlich mit Menschen aus ganz Deutschland digital, und manchmal denke ich, es ist toll, was alles geht, dann wieder merke ich, dass auch viel fehlt, nicht zuletzt die Resonanz eurer Stimmen! In guten Momenten freue ich mich über alles, was dazukommt und was wir alles lernen und hoffe, dass am Ende ganz viel von unseren gewohnten Formen, Beziehungen zu leben geht und ganz viele Neue hinzugekommen sind; das wir am Ende ganz reich und klug und schön und verbunden aus dieser komischen Zeit herausgehen.

Und wahrscheinlich wird es wieder ganz anders sein.. das ist es nämlich meistens. So wie dieser Blogartikel.

 

Ich überlasse Wilhelm von Humbold den Schlusssatz und Euch, weiterzudenken und Beziehungen zu leben

 

im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben“